Race across the Alps

Nachdem ich das „Race across the Alps“ bereits zweimal als Betreuer mit Walter Sageder erlebt habe, war es für mich an der Zeit, dieses Rennen selbst auszuprobieren. Mit 534km und 14.500 Höhenmetern nonstop eine Herausforderung der besonderen Art. Am 21. Juni stand ich daher mit 32 anderen „Verrückten“ beim RATA an der Startlinie.

Das Starterfeld war sehr hochkarätig und prominent mit den Vorjahressiegern und zahlreichen Langstreckenspezialisten besetzt. Pünktlich um 13 Uhr fiel der Startschuss und es ging in einer schnellen Gruppe vorbei am Reschensee über den Reschenpass Richtung Stilfserjoch. Aufgrund des regen Autoverkehrs war auf der Reschenpass-Bundesstraße eine Betreuung aus dem Begleitauto nicht möglich, also war ich die ersten 40 km auf mich alleine gestellt.

Mit starkem Rückenwind wurde in einer 25-Mann Gruppe ordentlich Tempo gemacht. Aber bereits nach wenigen Kilometern erwischte ich ein ziemlich heftiges Schlagloch und verlor dadurch meine volle Trinkflasche. Der Gedanke, die nächste Stunde ohne Trinken zu fahren, machte mir schon Sorgen. Zum Glück gaben mir Lukas Kienreich, Hannes Pöhl und Stefan aus Berlin ein paar Schluck aus ihren Trinkflaschen ab. DANKE nochmal für die Kameradschaft unter Rennfahrern 😊.

Mit 45 km/h Schnitt erreichten wir den Anstieg zum Stilfser Joch und die Gruppe fiel sofort auseinander. 48 Kehren auf 26km und 1840 Höhenmeter sollten eigentlich jedem Radfahrer gehörigen Respekt verschaffen, aber die Sieganwärter dieses Rennens sprinteten los, als ob am Stilfser die Ziellinie wäre. Ich selber konzentrierte mich von jetzt an auf meine Wattanzeige und versuchte den Anstieg gleichmäßig mit ca. 260 Watt zu fahren. Oben angekommen (Seehöhe 2750m) stürzte ich mich in die Abfahrt nach Bormio, von wo es gleich wieder rauf auf den Gavia Pass ging.

Bei angenehmer Temperatur und blauem Himmel nahm ich die 1400 Höhenmeter in Angriff. Einen Großteil dieses Anstieges konnte ich zügig fahren, bis mich ca. 5km vor der Passhöhe ein heftiger Krampf im Oberschenkel stoppte. Offensichtlich hatte sich die erste Stunde mit zu wenig Trinken in Kombination mit dem doch sehr zügigen Tempo gerächt. Ziemlich verzweifelt habe ich mir darauf Getränke, Gel, Banane und (wahrscheinlich zuviel) Salz einverleibt. Da ich doch noch an die 450km und 12.000 Höhenmeter vor mir hatte, setzte ich mich ziemlich verunsichert wieder aufs Rad und fuhr mit so wenig Watt wie nur möglich bis zur Gavia Passhöhe rauf. Nachdem ich den Krampf offensichtlich überwunden hatte, stand mir nun die Abfahrt vom Gavia bevor. Die teilweise nur 2,5m breite Straße mit bis zu 5cm tiefen Schlaglöchern ist meiner Meinung nach eine Strafe für jeden Radfahrer und aufgrund der teilweise sehr schlechten Kurveneinsicht ziemlich gefährlich. Durch das ständige Bremsen habe ich mir bei dieser Abfahrt dann auch noch die Carbonbremsflanken an meinem Vorderrad verheizt – Totalschaden☹.

Von Ponte di Legno aus ging es über Edolo rauf nach Aprica. Mit 500 Höhenmetern auf 15km kann man dieses Teilstück als Flachetappe bezeichnen. Nach Aprica erwartete mich eine Abfahrt über 1000 Hm. Aufgrund der breiten Straße und des flüssigen Kurvenverlaufs für mich die attraktivste Abfahrt des gesamten Rennens.

Richtung Tirano hatte ich erstmals ziemlich starken Gegenwind und ich stellte mich mental auf den bevorstehenden Mortirolo Pass ein. Mit max. 18% bzw. 14% Durchschnittssteigung auf 13km und 1300 Hm sicher einer der anspruchsvollsten Anstiege dieses Rennens. Jetzt machte sich meine 32er Übersetzung bezahlt und ich wuchtete mein Rennrad großteils im Wiegetritt den Anstieg hinauf. Mittlerweile machte mir mein Magen große Probleme. Jedes Gel musste ich runterwürgen und mir kam ständig die Galle hoch. Kurz vor der Passhöhe wurde es dunkel und meine Betreuer montierten die Beleuchtung.

Am Mortirolo oben angekommen ging es sofort wieder 1000 Hm runter und nochmal auf der bereits gefahrenen Schleife die 500Hm rauf nach Aprica.

In Tirano bogen wir diesmal links ab zum Bernina Pass. Mir wurde erst relativ spät bewusst, was es heißt, schon ziemlich angeschlagen bei -2 Grad und eisigem Gegenwind einen 37km langen Pass mit 1900 Hm raufzufahren. Aber nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich auch diese Hürde geschafft. Bei der Abfahrt vom Bernina wurde es schön langsam wieder hell, was mir aber aufgrund der wirklich eisigen Temperaturen keinen Grinser raus lockte.

Mit 650 Hm auf 9km wartete mit dem Albula Pass ausnahmsweise wieder mal eine etwas einfachere Aufgabe. Die Nahrungsaufnahme war mittlerweile das größte Problem, da ich mein Sternemenü (Isogetränk, Gels, Bananen) nur noch mit Mühe im Magen behalten konnte.

Auf den nächsten 25km mit 650 Hm ging es dann von Schmitten immer leicht bergauf bis zur Schweizer Touristenmetropole Davos, wo ich Richtung Flüela Pass abbog. Meine Beine waren zu diesem Zeitpunkt richtig leer und die bevorstehenden 850 Hm machten mich echt nachdenklich. Meine Betreuer liefen wieder mal zur Höchstform auf und irgendwie schaffte ich es auch da hoch. Ein kleiner Lichtblick für mich, als ich feststellte, dass mich „nur“ noch drei Pässe vom Ziel trennen.

Als wir gegen Mittag den Umbrail Pass erreichten, war ich fast 23 Stunden ohne nennenswerte Pause unterwegs. Am Fuße des Umbrail kam dann ein ziemlicher Dämpfer. Kaum hatte ich ein Gel geschluckt, kam alles hoch und ich musste mich mehrfach bis auf den letzten Tropfen übergeben. Kreidebleich legten mich meine Betreuer in die Wiese. Ich starrte in den Himmel und überlegte verzweifelt, wie ich die 1500 Hm auf den Umbrail rauf kommen soll. Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder auf das Rad setzen und treten oder das Rad schieben – aber sicher nicht aufgeben. Nach einer kurzen Pause habe ich mich wieder aufgerafft und aufs Rad gesetzt. Auf den ersten km trank ich nur Wasser und ich hoffte, dass ich mich irgendwie wieder halbwegs erhole. Erfreulicherweise ging es meinem Magen von da an echt besser und ich konnte wieder ordentlich Nahrung aufnehmen.

Als ich zum zweiten Mal das Stilfser Joch auf 2750m erreichte, hatte ich seit längerem wieder ein Grinsen im Gesicht. Nachdem ich die Abfahrt mit den 48 Kehren hinter mich brachte, dachte ich, jetzt ist das Gröbste geschafft, aber weit gefehlt. Auf den letzten 40km lag noch der Reschenpass mit knapp 600 Hm vor mir, was nicht das große Problem war. Aber der heftige Gegenwind (Sturm) hat mir fast noch den letzten Nerv gezogen.

Um Punkt 17 Uhr war es dann endlich geschafft und ich erreichte das Ziel in Nauders. Mit einer Fahrzeit von 28 Std. brauchte ich zwar um 2 Std. länger als erhofft. Dass ich aber am Ende in einem sehr stark und elitär besetzten Rennen Platz 11 einfahre, habe ich mir im Vorfeld nicht erwartet.

Bei der anschließenden Siegerehrung im vollen Festzelt wurden dann alle Finisher vor hunderten Zuschauern auf die Bühne geholt und wie Helden gefeiert – war Gänsehaut pur 😊.

Unterm Strich war es für mich eine sehr harte und anspruchsvolle Erfahrung, die mich körperlich und vor allem mental ziemlich an meine Grenzen gebracht hat. Die langen und steilen Auffahrten, aber auch die großteils sehr ungemütlichen Abfahrten ermöglichten einfach keine Regeneration während dem Rennen. Die Kulisse im Schweizer und Südtiroler Hochgebirge bot traumhaft schöne Eindrücke, auf wenn sich im Rennen nicht so viel Gelegenheit zum Genießen ergab.

DANKE an meine Betreuerinnen Anita, Rebecca und Milena für die perfekte Unterstützung.

DANKE an die Fa. Held & Francke für die Bereitstellung des Begleitfahrzeuges.

Willi

Fotos findest du in der Galerie.

Website: www.raceacrossthealps.at

Ergebnisliste: http://alyssatracking.irbiscorp.com/event/rata2018

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